Als es im Herbst 2002 mit freifunk.net losging, waren freie
Funknetzwerke vor allem ein Konzept - eine Idee. Wir wollten ein Netz das
wachsen kann, das mit wenig Aufwand betrieben wird und es jedem ermöglicht
mitzumachen.
Die Antwort auf all diese Wünsche hieß auch damals schon MESHING.
Computer verbinden sich per WLAN zu einer Wireless-Wolke in die sich neue
Knotenpunkte automatisch einfügen - in ein Netz, das aus Konsumenten Teilnehmer
macht - in dem jeder Empfänger aber auch zum Sender von Informationen wird.
Die ersten Schritte waren schwierig - die technischen Hürden
hoch. Das verfügbare Equipment war zunächst viel zu teuer, und die
ersten
meshing-Protokolle liefen noch nicht ausreichend stabil. Das änderte
sich erst,
als Andreas Tønnesen im Vorfeld der Wizards of Open Source (WOS) 2004
sein OLSR-Protokoll vorstellte. Sven-Ola - Entwickler der
freifunk-firmware -
erinnert sich:
"Es ging los im Spätsommer 2004 beim Waveloeten auf der
c-base. Das Netz hatten wir auf der WOS im Feldversuch in Betrieb genommen. Im
Anschluss wurde es probeweise weiterbetrieben.
Das OLSR-Netz bestand damals aus Meshcubes, die uns die
Firma 4G Systeme aus Hamburg zur Verfügung gestellt hatte, und einigen Linksys
WRT54G-Routern. Die Linksys Router wurden von den Besitzern selbst mit OpenWRT
geflasht, um eine offene Linux-Plattform für das meshing-Protokoll zur
Verfügung zu haben.“
Erst durch die Kombination eines preiswerten Routers wie dem
Linksys WRT54G mit dem OLSR-Protokoll rückte ein flächendeckendes mesh-Netzwerk
in greifbare Nähe. Das Problem: Das ganze war immer noch viel zu kompliziert.
Selbst für erfahrene Linux-Anwender war es schwierig die notwendigen Schritte
zum Einrichten schnell und fehlerfrei zu beherrschen. Sven-Ola:
„Um einen Linksys mit Open-WRT zum Laufen zu bringen, waren folgende Schritte notwendig:
- Einrichten eines OpenWRT-Quellverzeichnisses auf einem Linux-Rechner.
- Die fehlenden Compiler- und Buildtools identifizieren und korrekt
nachinstallieren.
- Über einen Webseiten-Ping-Hack die TFTP-Übertragung aktivieren.
- Die fertige Firmware-Datei mit einem TFTP-Programm einspielen.
- Die verschiedenen Zusatzkomponenten installieren und einrichten (alles auf
der SSH-Kommandozeile.)
- Die Konfiguration so optimieren, dass Firewall und OLSR-Netzwerk
aufeinander abgestimmt sind.
Die Angelegenheit war recht eindeutig: Wenn es stark von den
Linux-Fähigkeiten des Betreibers abhängt, werden wir niemals ein
größeres funktionierendes Funknetz aufbauen können. Allein die vielen
möglichen Konfigurationsfehler verhindern ganz schnell, dass die Daten
von Gerät zu Gerät wirklich weitergereicht werden.“
Es gibt nichts Gutes außer man tut es
Es dauert ungefähr 2 Monate bis Sven-Ola im Oktober 2004
eine erste Vorversion der freifunk-firmware fertig stellt. Der enorme Vorteil:
Unter einer einfach zu bedienenden Weboberfläche können alle wesentlichen
Einstellungen vorgenommen werden. Mit der firmware sind alle für den Betrieb
notwendigen Softwarekomponenten in einer Installation verfügbar. Diese erste
Version war in erster Linie für den BerlinBackBone (BBB) gedacht.
Etwa zur selben Zeit hatte Cornelius Keller die Website
http://olsrexperiment.de ins Netz gestellt, um die bereits vorhandenen
Netzwerkknoten in einer Karte grafisch darzustellen. Der Clou dabei: Die
Verbindungs-Informationen zwischen den Netzwerkknoten sollten live in der Karte
erkennbar sein.
Die TeilnehmerInnen mussten sich auf der Seite registrieren
und sich aus einer Datenbank eine eindeutige IP-Adresse auswählen, die sie dann
von Hand in den Accesspoint eintrugen. Cornelius Keller wollte die
serverseitige Implementierung für eine Funktion "Firmware-Download mit
eingebrannter IP-Konfiguration" übernehmen. Für Sven-Ola ein wichtiges
Signal:
„Dieser erste Anfangserfolg war für mich recht wichtig. Ohne
das begeisterte Echo hätte ich wohl nicht weitergemacht. Aber es dauerte dann
noch weitere 2 Monate bevor ich das ganze Projekt als "einigermaßen
stabil" bezeichnen konnte.“
In der Zwischenzeit hatten auch die OLSR-Entwickler ganze
Arbeit geleistet. Mit den so genannten ETX/LQ-Funktionen hatten sie einen Weg
gefunden, wie Accespoints im meshnetzwerk selbstständig die für sie stabilste
Route zu einem entfernten Netzwerkknoten finden. Bei diesem Verfahren wurden
nicht mehr die Pingzeiten gemessen, sondern die Routen nach ihrer tatsächlich
verfügbaren Bandbreite analysiert. Das Netz lief nun stabiler und immer mehr
neue Teilnehmer kamen hinzu.
„Die vielen Fragen auf der Mailing-Liste und während der Mittwochs-Veranstaltungen
auf der c-base bewogen mich, wichtige Tipps und Hinweise zur Firmware und zum
OLSR in das Freifunk-Wiki zu schreiben. Das ist immerhin mein Job:
Bedienungsanleitungen und Online-Hilfen schreiben. Möglicherweise merkt man das
auch an der Web-Oberfläche der Freifunk-Firmware: Ich habe nämlich Wert darauf
gelegt jedes Eingabefeld mit einem F1-Hilfetext zu versehen.“
Weiterentwicklung
Um die Entwicklungsarbeit auf mehrere Schultern zu
verteilen, suchte Sven-Ola Kontakte zu anderen Entwicklern. Zwar sind bis heute
kaum weitere Mitstreiter dazugekommen, aber die vielen verschiedenen Nachfragen
und Ankündigungen haben mehrere Dinge möglich gemacht:
- Es gibt nun nicht nur eine deutsche Weboberfläche, sondern auch
Übersetzungen in Englisch, Französisch und Spanisch.
- Es existiert ein Plugin-Konzept, um OpenWRT-Zusatzpakete mit einer
Freifunk-kompatiblen Verwaltungsseite auszustatten. Damit sollen in Zukunft
alle weiteren Funktionen realisiert werden. Das spart Platz und macht es
möglich, das OpenWRT-Mini-Linux-Konzept weitgehend beizubehalten.
- Als "Abfallprodukt" der Plugins für den Linksys WRT54G entstand auch eine
Oberfläche für die zentralen 4G-Meshcubes im BerlinBackBone.
- Aus den Kontakten zu anderen Communities entstanden mehrere
angepasste Varianten für ein regionales Look-and-Feel der firmware. Darum
gibt es heute Varianten für Wien (funkfeuer.at), Paris-Sans-Fil und für
London-Wireless.info.
- Darüber hinaus gibt es ein "Kit", mit dem man recht einfach Anpassungen
vornehmen und eigene Freifunk-Firmware-Varianten herstellen kann.
In Zusammenarbeit mit Cornelius Keller und Marek Lindner
wurde auch die Konfiguration der Accesspoints für die Berliner Community
wesentlich vereinfacht. Es ist jetzt möglich, sich nach der Registrierung auf
http://www.olsrexperiment.de/freifunk/ eine firmware-Version herunterzuladen,
in der alle benötigten Funktionseinstellungen bereits vorkonfiguriert sind. Das
Vorgehen ist damit so einfach wie nie: Kaufe einen WRT54G, registriere eine
IP-Adresse und lade die dazu passende Firmware herunter. Diese Firmare wird
über die Web-Oberfläche des Gerätes aufgespielt. Am Schluss noch
Administrator-Kennwort und Kontaktinformationen eintragen. FERTIG!
Schlussbetrachtung
Menschen in Berlin, Paris,London, Wien und vielen anderen
Regionen innerhalb und außerhalb Europas sind mit der freifunk-firmware ihrem
gemeinsamen Ziel freier Netze und freier Kommunikation ein großes Stück näher
gekommen.
Trotz des großen Erfolgs: Das Softwarekonzept der
freifunk-firmware und die Art des Netzwerk-Aufbaus ist nicht für jede Community
die passende Lösung - technisch wie ideell. Die Pflege der Freifunk-Firmware
ist bis heute im Wesentlichen eine "One-Man-Show" geblieben. Hier
einige Zusammenfassungen, was andere Leute zu diesem Thema denken:
- Stimme1: Es gibt viel zu viele Einstellungsmöglichkeiten für Betreiber eines
Netzknotens. Damit werden zu viele Fehler gemacht, was wiederum auf die
Funktion des Netzwerkes als ganzes eine Rückwirkung hat. Leider ist keine
zentrale Verwaltungsfunktion vorgesehen.
Sven-Ola: Das ist richtig. Ich persönlich bevorzuge
ein selbstbestimmtes und von den Mitgliedern getragenes Netzwerk-Modell. Das
findet man dann auch in der Firmware wieder.
- Stimme2: Du baust immer noch auf OpenWRT/stable auf. Das
OpenWRT-Entwicklerteam hat seit 3 Wochen (!) kundgetan, das es die
Migration auf OpenWRT/experimental wünscht. Ich baue mir jetzt eine
eigene Firmware nach meinen Wünschen.
Sven-Ola: Ich denke nicht, dass ich die Zeit finde, so
schnell umzustellen. Es gibt auch Gegenargumente. Z.B. verbraucht das neue
OpenWRT erheblich mehr Flash-Speicher und den muss ich für die 2-MB-Geräte erst
wieder "zusammensparen". Außerdem möchte ich möglichst nur
funktionierende Software benutzen, die schon länger läuft.
- Stimme3: Ich habe schon ein selbstgebautes OpenWRT mit meinen
Anpassungen. Da wäre ja die ganze Arbeit umsonst gewesen. Außerdem hat
meine Version ein Extra-Feature, das ich bei der Freifunk-Firmware
vermisse.
Sven-Ola: Das ist schade. Ich bin eigentlich mehr an
einem funktionierendem Netz als an der Herstellung einer Firmware interessiert.
Ich habe z.B. mal vor längerer Zeit meinen Job als Programmierer an den Nagel
gehängt. Vielleicht findet man ja doch mal zusammen (z.B. beim Thema
"Plugin für Traffic-Shaping").
Wie es weitergeht mit der freifunk-firmware ist noch nicht
ganz klar. Eventuell gibt es einen „Umzug“ auf eine andere Software-Plattform
als Betriebssystem (z.B. OpenEmbedded)oder die Web-Oberfläche wird für ein anderes gut laufendes Firmware-Projekt
zur Verfügung gestellt. In jedem Fall hat Sven-Ola bereits den wichtigsten
Schritt getan und seine Arbeit als OpenSource und GPL auf
http://ff-firmware.sourceforge.net/ veröffentlicht.
Häppi Networking!