Interview mit luftnetz.ch
luftnetz.ch hat ein eigenes Modell für die Verbreitung freier Netzwerke in der Schweiz entwickelt. Sie haben einen Verein gegründet und setzen auf ehrenamtliches Engagement der Mitglieder. Wer nicht aktiv partizipiert oder keine eigene Hardware zur Verfügung stellt, kann als zahlender Gast an dem Netzwerk teilnehmen. Eine geringe Bandbreite wird kostenlos zur Verfügung gestellt. Der hier veröffentliche Text stammt im wesentlichen von Christoph Burgdorfer und Christian Schweingruber.
Interview mit luftnetz.ch - April 2004
Was war der Auslöser für die Entstehung Eurer Community und welche Rolle spielen über die Technik hinaus soziale Aspekte?
"Einer der Auslöser war meiner Meinung nach die Idee, ein
selbst-organisierendes Netz zu erstellen, bei welcher die Nutzer im
Besitz der Infrastruktur sind. Das ermöglicht einen neuen Umgang sowohl
mit der Infrastruktur selber als auch mit dem Inhalt. Die Leute sind
viel mehr motiviert, auch selber Ideen ins Netz einzubringen und sich
zu beteiligen. Es ist "unser" Netz."
"Zum Anderen soll Luftnetz auch als eine Plattform dienen, um
prozessorientiert und nicht produkteorientiert Ideen zu verwirklichen.
Innerhalb der Luftnetz Community gibt es bereits mehrere Ideen, die zum
Teil auch verwirklicht wurden: Stichworte Umschichtungsmodell von Bern,
Luftschloss (Authentifizierungssoftware), Workshops,
Informationsveranstaltungen, Referate, Hardware-Modding, oder die
Einreichung von Wettbewerbsbeiträgen."
"Grundsätzlich, so würde ich (Christoph Burgdorfer) meinen,
gibt es gleich viele Ideen davon, was Luftnetz ist, wie es Menschen
gibt. Was auf den ersten Blick als ein Hindernis angesehen werden kann,
entpuppte sich als Potential. Und zwar geht es bei Luftnetz meiner
Meinung nach nicht darum, eine Idee möglichst schnell und
marktkompatibel zu realisieren. Vielmehr sollte es darum gehen,
überhaupt etwas zu machen, auch wenn das einen Zeithorizont von
mehreren Jahren haben kann."
Seit wann seid Ihr mit eurem Community-Netzwerk aktiv und wie seid ihr rechtlich organisiert?
"Wir sind als Verein organisiert. Der Verein wurde Mitte 2002
gegründet. Die Rechtsform haben wir so gewählt, weil es im Speziellen
für die Teilnahme an Wettbewerben eine juristische Ansprechsperson
braucht. De facto wird die Plattform allerdings viel offener genutzt."
Was würdet ihr bisher als Euren größten Erfolg bezeichnen?
Überhaupt eine Plattform zu schaffen, auf der sich die Leute verwirklichen können. (Christoph's Meinung)
Wieviele aktive Mitglieder habt ihr und wie finanziert ihr euch bisher?
"Die erste Frage ist schwierig zu beantworten. Die Zweite: In Bern
gibt es für die Leute, die an den Backbone angeschlossen sind ein
Umschichtungsmodell: http://www.luftnetz.ch/phpwiki/index.php?Strategie
Aus welchen Gesellschaftsspektren kommen die Mitglieder Eurer
Community? Ist das Spektrum eher homogen oder wie heterogen ist es?
"Vorwiegend Studenten"
"Leider ist diese Aussage meines Kollegen nicht ganz korrekt.
Unsere Mitglieder sind Studenten, Mediziner, Wissenschaftler,
Selbständige, Angestellte, und vieles mehr... Auch bei den
Altersklassen gibt es grosse Unterschiede. Von 16 bis 60 ist alles
vorhanden.
Ist die Nutzung eures Netzwerkes für jeden kostenlos oder nur für Mitglieder? Gibt es ein Preismodell?
"Siehe oben, für die, die an den Backbone angeschlossen sind. Alles Weitere kommt aus Eigeninitiative"
Was haltet ihr von dem PicoPeeringAgreement? Ist das eine brauchbare Definition für das Funktionieren freier Netzwerke?
"Ich (Christoph Burgdorfer) finde das Pico-Peering ein sehr guter
Ansatz, die Idee des Teilens auf die technologische Ebene zu mappen. Ob
sich das in Praxis bewähren wird, wird sich rausstellen. Ich hoffe
sehr!"
Wie ist euer Netzwerk im Access-Bereich und im Internet
Connectivity-Bereich aufgebaut? Also wieviele Access Points sind an euer
Netzwerk angeschlossen und mit welcher Bandbreite sind diese ans
Internet angeschlossen?
"Wieviele Access Points wir genau haben weiss leider momentan
niemand. Die meisten sind wohl an unserem Backbone (Glasfaserleitung)
angeschlossen. Einige werden jedoch auch individuell betrieben mit
ganz unterschiedlich starken Leitungen."
Wie hoch sind die einmaligen Investitionen in Hardware und Software gewesen und wie hoch sind die laufenden Kosten?
"Null und null. Das ist ja das schöne an unserem Modell. Die User
bezahlen ihre eigene Hardware und werden dafür von den anderen Usern
entlohnt (siehe Umschichtungsmodell). Ein richtig soziales Modell - so
wie es zu der Schweiz passt."
Wie wollt ihr das Netzwerk in Zukunft ausbauen?
"Das Netzwerk soll aus meiner Sicht (CB) durchaus auch ein soziales
Netzwerk werden. Wie und wo das konkret im technischen Verständnis
ausgebaut wird, kann (noch) nicht im Detail beantwortet werden."
Welche Hardware und Software setzt ihr vor allem ein und was könnt
ihr basierend auf den gemachten Erfahrungen anderen empfehlen?
"Wir setzen unser eigenes Open-Source LuftSchloss ein (von Christian Schweingruber entwickelt). Den SourceCode wie auch die Software findet man auf unserer Homepage."
Seid ihr ansprechbar für Hilfesuchende, die ebenfalls ein WLAN aufbauen wollen und Unterstützung gebrauchen können?
"Das ist einer der wichtigsten Anliegen dieser Plattform: Wissensaustausch."
Mit welchen Marketing- und PR-Aktionen macht ihr euch in der
Stadt/Region bekannt? Wie groß ist der subjektive Erfolg für Euch?
"Dann und wann kriegen wir Anfragen von der Presse, ob sie über uns
schreiben können. Ein anderer Kanal ist die Teilnahme an öffentlichen
Wettbewerben."
Habt ihr eine eigene Datenbank, mit der man verfügbare Access Points (bzw. Hotspots) einfach finden kann?
"Soll irgendwo im Aufbau sein, munkelt man.
Ja, ist definitiv im Aufbau. Weiss aber auch nicht mehr genau
wer das nun macht. Aber vertraue der Person, dass es schon gut kommt."
Was haltet ihr davon, euch einer zentralen Datenbank wie etwa freifunk.net anzuschliessen?
"Aus meiner Sicht (CB) spricht nichts dagegen! Im Gegenteil! Ich würde so eine Entwicklung sehr befürworten!"
Wer ist Ansprechpartner bei euch für neue Leute, die sich an euer Netzwerk anschliessen wollen?
"die e-mail Adresse mailto:info@luftnetz.ch"
Wie steht Ihr zum Aufbau kommerzieller WLAN-Netze und wie definiert Ihr Eure Idee im Vergleich zu diesen Netzen?
"Kommerzielle Netze haben nicht zwingend das gleiche Ziel wie
Luftnetz. Kommerzielle Netze entwickeln sich Produkte- und nicht
Prozessorientiert. Insofern fällt ein Vergleich schwer."
Welche Visionen habt ihr für freie Netze?
"Freie Netze enthierarchisieren die Kommunikation der Gesellschaft.
Sozialwissenschaftler bestätigen, dass die menschliche Kommunikation
stets dazu neigt, hierarchische Strukturen aufzulösen. Deshalb die
Enwicklung auch vom zentral organisierten Staat hin zur Demokratie und
nicht umgekehrt; vom Server-Download zum Peer-to-Peer Netzwerk; vom
Stern zum Mesh"
Wie relevant ist für Euch die internationale (Weiter-)entwicklung
freier Netze auch im Hinblick auf die Überwindung des "digital divide"?
"Da Wissensaustausch ein zentrales Anliegen ist, liegt es in unserem Interesse, der "digital divide" entgegenzuwirken."
Wo seht ihr Eurer eigenes Projekt in den kommenden 1 bis 2 Jahren? Was wollt ihr bis dahin erreicht haben?
"... prozessorientiert! nicht produktorientiert"!
Und in eigener Sache:
Was denkt ihr über die Initiative freifunk.net?
"eine höchst vorbildliche Entwicklung mit einem beeindruckenden Mass
an Partizipation seitens der Community und grossem Potential!"
Welche Erwartungen habt ihr an freifunk.net?
" ..."
Wie könnte freifunk.net Eure lokalen Aktivitäten am besten unterstützen?
" Wissensaustausch."
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