berlin backbone - ein drahtloses freies netz
Jürgen Neumann: „In Deutschland wurde durch die starke Verbreitung von asymmetrischem DSL der Benutzer zum Konsumenten erzogen. Das heißt für die meisten Leute ist gar nicht vorstellbar, dass sie über das Internet auch andere Dinge tun können, zum Beispiel Video-Conferencing mit wem immer sie wollen, oder einen wirklich regen Austausch jenseits von e-Mail lesen und Webseiten surfen.“
Erstellt von Thomas Thaler, Transkript der ORF Radiosendung matrix vom Sonntag, 19. Oktober 2003 - mit freundlicher Genehmigung des Autors
Jürgen Neumann ist Teil der Berliner Initiative freifunk.net Die gleichnamige Webseite will Anlaufpunkt für die deutschsprachige freie Wlan-Bewegung sein.
Leute die mehr wollen als, „Webseiten surfen“ sind mit dem kommerziellen Breitbandangebot ADSL oft nicht zufrieden. A steht für asymetrisch. Das heißt: der Upstream ist viel kleiner als der Downstream.
Vor allem wer ein Projekt betreibt, das mit Audio oder Videostreaming zu tun hat braucht Alternativen. Wlan bietet sich an. Findige Bastler haben darauf basierende Systeme entwickelt, mit deren Hilfe es möglich ist ganze Städte kostengünstig breitbandig zu vernetzen. Das Projekt Berlin Backbone, das kürzlich in der deutschen Hauptstadt eröffnet wurde, macht sich diese Technologie zunutze.
Sven Wagner: „Der Berlin Backbone ist die Vernetzung der Berliner Kulturbetriebe über ein freies, selbstorganisiertes, demokratisches Netz, wo alle Leute gleichermaßen dran beteiligt sind, jeder kauft sich die Hardware, selbst so dass er an dem Netz teilnehmen kann.“
Sven Wagner vom Verein c-base ist einer der Initiatoren des Berlin Backbone.
Die c-base ist eine Mischung aus Internetinitiative, Partylounge und Kunstprojekt. Die eigentliche Aufgabe der c-base besteht darin, im Netz und am Vereinssitz im ehemaligen Ostteil Berlins eine abgestürzte Raumstation zu rekonstruieren.
Begonnen hat Sven Wagners Engagement für den Berlin Backbone mit einem allgemeinen Interesse für Wlan-Technologie und deren Einsatz für selbstverwaltete Netze. Angefangen wurde mit dem Bau kostengünstiger Antennen.
Das erste Modell wurde - ganz dem Do-it-Yourself-Gedanken der freien Funker entsprechend - aus einer Milchpackung hergestellt. Dieser Tetrapack mit Antennenkabel wurde durch praktische Versuche zur leistungsfähigen Hornantenne weiterentwickelt. In ihrer jetzigen Form wird sie aus Stahlblech gefertigt, und ziert in wachsenden Stückzahlen Berlins Dächer.
Sven Wagner: „Als wir die Hornantennen hatten haben wir angefangen uns Gedanken zu machen wie wir hier in der c-base Internet bekommen. Hier in der c-base – die c-base ist auch OPAL-Verseucht – haben wir kein Kupfer, wir bekommen kein DSL. Und als ein Verein der sich hauptsächlich mit Cyber-Life beschäftig brauchen wir aber auch eine gute Internetanbindung.“
Die c-base liegt in einem Gebiet in dem nach der deutschen Wiedervereinigung die Glasfaserkabel des OPAL-Netzes verlegt wurden. Kupfergebundene Technologien wie DSL werden hier nicht angeboten. Sven Wagner begann daher mit einigen Mitstreitern die ersten Wlan-Funkstrecken aufzubauen, um die c-base in Eigenregie mit Breitbandzugang zu versorgen. Andere fanden die Idee gut. Und so wurde daraus rasch das Projekt Berlin Backbone, ein selbstverwaltetes Netz aus untereinander verbundenen Kultureinrichtungen.
In Zukunft sollen angeschlossenen Einrichtungen zu Knotenpunkten werden, von denen aus lokale Netze in der Nachbarschaft entstehen. Cafes, Ateliers, aber auch Privatwohnungen könnten einbezogen werden. Das Netz soll immer weiter wachsen.
Wenn die Infrastruktur aus Antenne, Acesspoints und billig zusammengebauten Servern einmal steht, fallen für den internen Traffic keine Kosten mehr an. Das soll den Teilnehmern nicht nur helfen günstigen Internetzugang zu erhalten, sondern auch eine neue Dimension der Vernetzung ermöglichen.
Sven Wagner: „Angedacht ist, dass wirklich die Kulturstätten untereinander sich austauschen können. Dass man vielleicht auch Veranstaltungen in einer vollkommen neuen Form durchführt, dass man halt nicht mehr zentral an einem Ort was macht, sondern dezentral über die Stadt verteilt. Durch das kostenlose Netz, weil wir sind ja in einem LAN dann, der Berlin Backbone ist ein großes LAN in dem alle Berliner Kulturstätten vernetzt sein sollen, das heißt uns entstehen keine Kosten. Da ist die Motivation auch höher, coole Veranstaltungen übers Netz zu streamen, wenn man so ein Medium zur Verfügung hat.“
Künstler, die im Bereich Streaming arbeiten und die Berliner Netzradio-Initiativen gehören zu den ersten, die von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machen. Richtig spannend wird es aber erst werden, wenn der Berlin Backbone eine kritische Masse von zumindest ein paar hundert angeschlossenen Teilnehmern erreichen. Das scheitert bisher - wie bei anderen freien Wlan-Projekten - am technischen Aufwand den ein neuer Netzanschluss mit sich bringt. Die Hardware ist zwar relativ günstig und auch die eingesetzte freie Software kostet nichts. Doch man braucht einiges an Fachwissen und Linux-Kenntnissen, und muss viele Stunden an Arbeit investieren um den eigenen Netzwerkknoten zum Laufen zu bringen.
Abhilfe könnte hier vielleicht der erste Open Accesspoint schaffen, der kürzlich in Berlin vorgestellt wurde. Anders als bei herkömmlichen Industrieprodukten wird es bei ihm möglich sein eigene Software einzuspielen. Die Experten aus der Szene werden für den Open Accesspoint sicher bald entsprechende Programme entwickeln, und als freie Software im Netz verfügbar machen. Jeder der sich dafür interessiert kann die fertigen Pakete herunterladen, und für die eigene Installation verwenden. Im günstigsten Fall, hofft Jürgen Neumann, genügen bald wenige Einstellungen um sich zu vernetzen.
Jürgen Neumann: „Dieser Accesspoint wird ein Mesh-AP sein, der jeweils mit der neuesten Software und den neuesten Verbesserungen versorgt werden kann, wie man das aus der freien Software-Entwicklung kennt. Und genau dieser Accesspoint wird auch in der Lage sein sich automatisch mit anderen Geräten zu verbinden, sodass die technischen Probleme und die technischen Komplikationen hinsichtlich der Konfiguration wesentlich vereinfacht werden.“
In so genanntes Meshing setzt die freie Wlan-Community große Hoffnungen. Unter einem Meshed Network versteht man ein drahtloses Netz das sich selbstständig organisiert. Entsprechende Software ist in der Lage dynamisch nach anderen Netzwerkpartnern zu suchen. Hat sie Kontakt aufgenommen, ruft sie Informationen darüber ab wer noch im Netzwerk ist, und errechnet automatisch die besten Pfade zu vorhandenen Knoten. Hat man etwa einen Laptop mit Wlan-Karte und Meshing-Software und trifft man auf Gleichgesinnte, baut sich das Netzwerk auf, und man kann Daten austauschen, kommunizieren, oder unter Umständen über mehrere Zwischenstationen ins Internet gelangen.
Electra: „Derartige Netzwerke die sich selber organisieren, da wird ganz extrem dran geforscht, vor allem im militärischen Bereich. Es gibt da den Begriff des „Smart Dust“, falls wer im Internet danach suchen möchte. Also es sollen kleine Sensoren, kleine autonome Computereinheiten die über Wireless-Hardware verfügen, da träumen die Militärs davon das wie Sand aus dem Flugzeug zu streuen und damit allerlei Dinge zu tun. Da wird mit Hochdruck dran geforscht und es ist erschreckend wie weit das schon fortgeschritten ist.“
Electra ist eine der Wireless-Aktivisten die sich zurzeit intensiv mit Meshing Technologien beschäftigen.
Es ist natürlich nicht ganz einfach Software zu schreiben, die einem Netzwerk ermöglicht sich selbst zu organisieren. Im Moment gibt es verschiedene Ansätze das zu realisieren. Einer der am weitesten entwickelten ist die Mobile Mesh Software der amerikanischen Firma Mitre. Mitre hat sein Programmpaket als freie Software veröffentlicht, das Produkt stammt allerdings aus der US-Militärforschung.
Electra: „Das Programm steht unter Gnu/GPL, ist ein kleines Set aus Programmen, die kann man sich runterladen. Mit gewöhnlichen Wireless-Karten, die unter Linux laufen, kann man das im so genannten Ad-hoc-Modus so laufen lassen, dass sich alle Einheiten miteinander verbinden, und austauschen wer wen sieht, und daraus bauen sie dann so genannte Routing-Tabellen, also sie überlegen sich Pfade, wie sie jedes Teil in diesem Netzwerk erreichen können das innerhalb der Reichweite ist.“
Sehr bald wird es wohl Meshing-Software speziell für fixe Wlan-Netzwerke geben, die sich von Dachantenne zu Dachantenne über die Städte ausbreitet.
Elektra arbeitet an ihrem eigenen Softwarepaket. Die Linuxvariante Knoppix, die fast jede Hardware selbständig erkennt, soll mit der Mobile Mesh Software kombiniert werden. Selbst technisch Unversierte sollten damit in die Lage versetzt werden einen Mesh-Knoten zum Laufen zu bringen. Alles was man dann noch braucht sind Nachbarn die dasselbe tun.
Electra: „Mein Plan ist das auf den Dächern solche Mobile-Mesh-Stationen entstehen die quasi als Backbone über den Dächern fungieren. Und von unterhalb dieser Häuser oder in den Straßenzügen an so einem Haus wo sich so eine Station befindet, leitet das Mobile Mesh dieses Routing wieder nach unten weiter. Also ich hab dann auch im ersten, zweiten, dritten Stock von den Häusern in der Nähe hab ich dann ebenfalls Kontakt aufs Dach und von da aus wieder zur gesamten Infrastruktur die da aufgebaut wurde.“
Meshing hat aufgrund der einfachen Handhabung auf jeden Fall einiges an Zukunftspotenzial, und könnt der Idee von drahtlosen Netzen die von ihren Nutzern selbst betrieben werden den entscheidenden Kick geben. Die Software die das möglich machen soll, wird höchstwahrscheinlich von einem der freien Projekte kommen, die zurzeit in diesem Bereich arbeiten. Und damit könnte die Open Source Szene ein neues Feld an Schlüsseltechnologie für sich besetzen.
Electra: „Die Initiative geht von der freien Softwarebewegung aus, und die wird sicherlich den Standard setzen. Ich mein wenn man eine sehr gute Software hat die wunderbar ist und alles Mögliche macht und nichts kostet außer lediglich die Kopierkosten, wie will sich da ein kommerzielles Unternehmen dagegen behaupten, das halte ich schlechterdings für unmöglich.“
von jensN
—
Zuletzt verändert:
08.04.2004 22:19