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Weshalb Wi-Fi die Zukunft der Telekommunikation verändern wird

Alles was Sie bisher über Telekommunikation wussten, wird sich verändern. Festnetz- und Mobilfunkbetreiber werden durch Mikrooperatoren ersetzt, von denen Millionen zu einer globalen Fabrik von Breitbandverbindungen zusammengefasst werden. Wie wird dies vonstatten gehen? Lesen Sie hier die Geschichte.

von Nicholas Negroponte übersetzt von Kirsten Heininger

In den letzten 30 Jahren erfuhr die Telekommunikation drei wesentliche Umwälzungen, von denen jede wirklich eine neue Epoche einleitete. Die erste war das digitale Zeitalter und fand in den 70er Jahren statt. Die zweite große Umwälzung war die Datenpaket-Vermittlung. Die dritte war der Mobilfunk. Jede brachte fundamentale Neuerungen mit sich. Die erste startete unter anderem Multimedia. Die zweite führte zu ständigen Online-Verbindungen. Die dritte führte zu funktionaler Mobilität. Diese epochalen Veränderungen haben dem Konsumenten in Kombination mit einer globalen Deregulierung mehr Dienste zu niedrigeren Kosten ermöglicht. Dies gilt insbesondere für den Mobilfunk, der enorme kulturelle Auswirkungen weltweit hatte. (Die Auswirkungen wurden mindestens in den USA sichtbar, aber dies ist eine andere Geschichte.)


Der voice-centric 3G-Standard (UMTS) kommt zu früh und ist noch zu unbedeutend

Vor dem Hintergrund dieses aktuellen Fortschritts machen heute die Mobilfunkbetreiber eine kleine, ziemlich unbedeutende Veränderung durch wenn sie in die sogenannte dritte Mobilfunkgeneration übergehen. 3G ist zu klein und noch zu unbedeutend um schon eine wirklich epochale Veränderung zu sein. 3G ist noch sprach-zentriert zu einem Zeitpunkt, zu dem die Datennutzung immer mehr an Bedeutung gewinnt, eine Veränderung, der sich 3G bei weitem nicht anpassen kann.

DIE WASSERLILIEN SIND DIE WAHRE NÄCHSTE GENERATION

Durch Zufall hat die Computerindustrie parallel und anscheinend unmotiviert die 802.11 Initiative für kabellose lokale Netzwerke gestartet. Zu Beginn war sie dafür gedacht, Koaxialkabel zu ersetzen um damit dem Löcher bohren und Kabel ziehen ein Ende zu setzen.

Vor fünf Jahren habe ich in meinem Haus in Boston ein kabelloses Netzwerk installiert. Damals kostete dies so ca. $2,000 für die Basisstation und $500 für jedes Anschlussgerät. Heute liegt der Preis bei $120 und $50 für die Anschlussgeräte und der Preis fällt weiter. Eine Folge davon ist, dass diese Art von Netzwerken rasant zunehmen, mit mindestens 15 Millionen Verbindungen in den USA.


Wi-Fi macht nicht an Ihrem Hauseingang halt

Das 802.11 System - das nun in verschiedenen Ausführungen, insbesondere 802.11b, erhältlich ist, allgemein als Wi-Fi bekannt, - macht nicht vor Ihrem Hauseingang halt. Je nach Ausstattung kann ein "vanilla Wi-Fi" eine Reichweite von über 1000 Fuss (ca. 300 m) haben. Da ich in einem Gebiet mit einem dichten Netz lebe, erreicht mein System ca. 100 Nachbarn. Ich weiss nicht, wie viele es (gratis) benutzen - aber das ist mir ehrlich gesagt auch egal. Ich bezahle eine Grundgebühr und ich bin glücklich, mit anderen zu teilen.

Denn weiter unten in meiner Straße, ausserhalb der Reichweite meines Systems hat ein weiterer Nachbar Wi-Fi installiert. Und viele andere auch. Stellen Sie sich einen Teich mit einer Wasserlilie vor, dann zwei, dann vier, dann viele, die sich überlappen und sich mit ihren Stielen zu einer Internetverbindung vernetzen. (Diese Wasserlilien-Metapher geht auf Alessandro Ovi zurück, der Technologiebeauftragte von Romano Prodi, Präsident der Europäischen Komission.)

Schauen Sie sich diese Zahlen an: 3G wird nach den günstigsten Voraussagen in 2 Jahren Datenübertragungsraten von 1 Mbit pro sec. erreichen. Wi-Fi erreicht heute schon 11 Mbits und wird sich auf 54 Mbits steigern. Welcher Standard wird sich also Ihrer Meinung nach durchsetzen?

DIE FRÖSCHE: SIE HÜPFEN VON INSEL ZU INSEL

In der Zukunft wird also jedes Wi-Fi System wie ein kleiner Router funktionieren, der die Daten zu den nächsten Nachbarn überträgt. Nachrichten springen also von peer-to-peer zu peer-to-peer Verbindung, so wie Frösche, die von Lilie zu Lilie hüpfen, die Stiele werden nicht benötigt. So ergibt sich ein Breitband Telekommunikationssytem, von Menschen für Menschen gebaut. Kommerzielle Anbieter sind sich dessen bewusst aber sie lassen die Tatsachen unberücksichtigt, weil sie nicht genug Reichweite sehen. Aber sie irren sich.


Ein Breitband System von Menschen für Menschen

Drei Dinge machen diese peer-to-peer Struktur so interessant. Zunächst einmal sind ihr Auftauchen und die Verbreitung viral. Virale Telekommunikation ist komplett neu, eine Bewegung von unten, jeder baut seinen eigenen Standort und alles wird miteinander durch lockere Vereinbarungen zu einem Netz verwoben. Angesichts eines darniederliegenden Telekommunikationsmarktes und des niedrigen Kapitalbedarfs übt sie eine starke Anziehungskraft aus.

Zum Zweiten steigt ihre Leistungsfähigkeit mit der Anzahl der Knoten. Normalerweise bedeutet eine größere Anzahl von mobilen Endgeräten, dass die Qualität des Dienstes leidet. In diesem Kontext bedeuten mehr Knoten einen besseren Dienst.

Drittens geht es auch um elektromagnetische Strahlung. Europa ist sich besonders stark bewusst, dass elektromagnetischer "Smog" unbekannte gesundheitliche Folgen haben kann. In den USA hören wir phasenweise Beschwerden darüber, dass mobile Endgeräte Hirntumore hervorrufen können. Die Struktur dieser Netzwerke jedenfalls benötigt weniger Energie, da die Signale nur über kurze Distanzen verbreitet werden. Durch weniger Energieverbrauch ergibt sich logischerweise ein geringeres Gesundheitsrisiko.

DER TEICH: VERÄNDERT DIE STRÖMUNG DER TELEKOMMUNIKATION

Die Frequenzen werden heute wie Grundbesitz gehandelt, sorgfältig aufgeteilt durch die Regierung. Die jüngsten überteuerten Auktionen haben extrem hohe und unrealistische Preise für dieses Eigentum etabliert. Um den alten Denkmustern gerecht zu werden, dass jeder ohne Störungen und mit voller Souverainität agieren kann.

Schon tauchen neue Wege auf, diesen Teich lebendig zu machen, da wir dieses System der Wasserlilien und Frösche immer intelligenter machen können. Indem wir weniger Energie zu geringeren Preisen aufwenden, kann dieses kabellose System noch effizienter eingesetzt werden. Besonders interessant sind Bereiche, die abseits installiert werden und frei für jeden ohne Lizenz zur Verfügung stehen. Diese relativ kleinen Stücke von Bandbreite, die über verschiedene Frequenzen verteilt werden, betrachtet man mehr oder weniger als Abfall. Diese unlizensierte Skala von Frequenzen wird für schnurlose Telefone genutzt, für Garagentüröffner, Mikrowellengeräte und alle Arten von unbedeutenden aber unbeachteten Anwendungen.

Die Erfahrung mit Wi-Fi, neuen Experimenten mit dem gesamten Frequenzspektrum und CDMA hat gezeigt, dass wir über neue Frequenzzuweisungen nachdenken können. Wir können Teile (oder alles) als gemeinsame Netze betrachten anstatt nur die kleinen Einheiten zu sehen. Strenge Grenzen werden so durch passendes Verhalten aufgehoben. Um eine 'Tragik der Allmende' zu vermeiden und einer Übernutzung der gemeinsamen Netze vorzubeugen, müssen die Menschen zum Beispiel eine Beschränkung der Sendeleistung respektieren. Wunderbar: Es ist wie das ungeschriebene Gesetz, in einem überfüllten Theater nicht "Feuer" zu rufen.

Die Neuverteilung der Frequenzen wird nicht über Nacht passieren. Besetzte elektromagnetische Felder neu zu besetzen ist so schwierig wie einen Teil der Stadt mit dem Bagger dem Erdboden gleich zu machen, um darauf einen Park oder ein Bürgerzentrum zu errichten. Neue Einstellungen werden unmittelbareren Effekt haben je höher wir im Frequenzbereich nach oben gehen, um diese immer kürzer werdenden Distanzen zu nutzen.

Dieses neue Denken wird besonders an Orten zur Herausforderung, wo der kabellose Zugang ausgesprochen langsam ist - um wirkliche Wasserlilien und Frösche herum - Achtung, dies ist ironisch gemeint- also in den ländlichsten und entferntesten Teilen unserer Erde. Ein kleines Geheimnis von 802.11b ist, dass das Netz mehr als 20 Kilometer mit geeigneten direktionalen Antennen überbrücken kann. Man stelle sich einfach nur Orte vor, die nicht genug kommerziellen Wert für die Berechtigung einer klassischen Infrastruktur haben. In diesen Fällen wird die Viralität von unlizensierter Telekommunikation eine wesentliche Kraft menschlicher Entwicklung, indem sie die Welt auf den Kopf stellt. Würde dies nicht unglaublich Furore machen?

Nicholas Negroponte (nicholas@media.mit.edu), hat Wired mit begründet und ist Gründer des MIT Media Lab.

Link zum Originalartikel: http://www.wired.com/wired/archive/10.10/wireless.html

Foto: lostinspace
von Monic MeiselZuletzt verändert: 16.04.2004 15:13







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