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Die Idee freier Netze ist gewiss nichts Neues. Doch die Utopie des Internet als selbstorganisierter Informations- und Kommunikationsfreiraum wurde Mitte der 90er zunehmend unrealistischer. Kann WLAN diesen Freiraum wieder ermöglichen ?

von Iris Rabener und Jürgen Neumann - 12.01.2004

"Dass Information ein nicht unbedeutender Machtfaktor ist, will niemand bestreiten. Wollen wir da ein so wichtiges Medium wie das Internet von einigen wenigen kontrollieren lassen? [...] Die kommerziellen Internetprovider haben großes Interesse daran, das Internet zu kommerzialisieren. [...] In den Onlinediensten kommt alles zusammen. Automatische Zensur, teure, schlechte Anbindung und Werbung. [...] Man sollte also sehen, dass man möglichst unabhängig von allerlei Großen ist. [...] Das Internet sollte den Geist, in dem es geschaffen wurde wieder erhalten: Viele Rechner, die zusammenarbeiten; ohne Kontrollstrukturen und riesige Upstreams, die das halbe Netz lahm legen können." http://md.hudora.de/vernetzteuch.html.


Schon damals gab es verschiedene Ideen zum Aufbau einer eigenständigen Infrastruktur. Und es wurde auch daran gedacht, Netzwerkverbindungen u.a. per WLAN aufzubauen. Doch zu diesem Zeitpunkt kosteten die notwendigenGeräte noch um die 6000,00 DM. Heute stellen die Kosten für WLAN-Hardware keinen Hinderungsgrund mehr dar.

Neben der wachsenden Einschränkungen im Internet hat sich eine weitere Kluft aufgetan. Bestimmte Regionen dieser Welt scheinen von kommerziellen Internetanbietern den Status "area of no market" erhalten zu haben. Das bedeutet für die betroffenen Menschen in den zumeist dünn besiedelten strukturschwachen Regionen, überhaupt keinen oder keinen Internetanschluss jenseits von 56 kbits zu erhalten. Die Rede ist von der digitalen Spaltung - dem digital divide.


DjurslandS.net

Dass man auch in den reichen Ländern Mitteleuropas Opfer des digital divide werden kann, zeigt ein Beispiel aus Dänemark. Djursland, eine dünn besiedelte Region im Nordosten des Landes ist offenbar nicht nur für große Unternehmen wirtschaftlich bedeutungslos. Das Djursland war in den vergangen Jahren auch zunehmend von Streichungen im öffentlichen Haushalt betroffen. 1998 wurde der Fährhafen von Grenaa geschlossen. Im Jahr 2002 schloss das einzige Krankenhaus der Region. Es gibt bereits Pläne auch noch den Flughafen und einen weiteren Fährhafen zu schließen. Seit dem Jahr 2000 haben die mehr als 82.000 Menschen keine lokale Tageszeitung mehr. Auch eine Versorgung der Region mit Breitband-Internet sei einfach zu teuer, so die Auskunft mehrerer dänischer Telekommunikationsanbieter.

Daraufhin nahmen die Bewohner von Djursland die Sache selbst in die Hand. Die Gemeinschaft entschloss sich, den nach der Schließung der Krankenhauses brach liegende Glasfaser-Leitung für die eigene Nutzung zu mieten und damit die 8 Kreisstädte der Region zu verbinden. An den beiden Enden ist die Glasfaser-Leitung an den dänischen Internet Back-Bone angeschlossen. Per Wireless LAN wird die Bandbreite von mehreren Anschlusspunkten aus bis in die entlegensten Winkel von Djursland übertragen.

Wer mitmachen möchte, kauft eine einfach zu montierende Dosen-Antenne, die zum Stückpreis von 35,- EUR in Massenproduktion selbst hergestellt wird. Gegen eine einmalige Anschlussgebühr von 270 Euro und ein monatliches Entgelt von 13,50 Euro gibt es eine Flatrate von 1-2 Mbits ohne weitere Beschränkungen. Bis zum Ende des Jahres 2003 wurden etwa 3500 Haushalte an das gemeinsame Netzwerk angeschlossen.

Mehr über das Djursland und wie sich rund 200 Freiwillige mit viel Engagement gegen den infrastrukturellen Rückbau einer ganzen Region gewehrt haben, erfahrt Ihr hier:


WLAN = FREI ?

Was genau macht ein Netzwerk zu einem freien Netz? Armin Medosch schreibt dazu in der Vorabveröffentlichung seines Buches "Freie Netze":

"Free Networks verweist zugleich auf die Analogie zu Free Software. Immer mehr Software wird heute unter Copyleft-Lizenzen gestellt, so dass sie als Gemeingut genutzt werden kann. Ähnlich wie freie Software entstehen freie Netze durch die kooperativen Handlungen vieler einzelner Akteure. Dabei ist der Aspekt der persönlichen Freiheit ausschlaggebend und nicht, dass etwas gratis angeboten wird." Mehr dazu.

Das Gesamtnetzwerk besteht aus den vielen kollaborierenden Netzwerkressourcen der einzelnen Beteiligten. Analog zu den Copyleft-Lizenzen braucht es ein Regelwerk, dass die Beziehungen der einzelnen Netzwerkknoten zueinander beschreibt. Das sogenannte Pico-Peering-Agreement ist der erste Entwurf einer solchen Vereinbarung, deren wichtigster Bestandteil das gegenseitige Gewähren von freiem Datentransit darstellt.


Meshing - Licht am Ende des Tunnels ?

Größere Netzwerkstrukturen bedürfen zahlreicher Regelungen und Absprachen, damit sie funktionieren. Je größer ein Netzwerk wird, um so notwendiger wird es, seine Konfiguration und Administration zu zentralisieren oder zumindest zentral abzustimmen - eine zwingende Voraussetzung für ein funktionierendes Routing. Doch mit der Zentralisierung geht oft auch der Verlust an demokratischen Entscheidungsstrukturen einher. Ideal wäre also, wenn sich die eigene Netzwerkressource automatisch in das vorhandene Netzwerk eingliedern würde - ein riesiges, sich selbst konfigurierendes peer-to-peer Netz.

Gute Ansätze dazu existieren bereits. Die Rede ist von meshing oder auch Mesh-Networking. Nicholas Negroponte beschreibt diese Technologie folgendermaßen: "In der Zukunft wird also jedes Wi-Fi System wie ein kleiner Router funktionieren, der die Daten zu den nächsten Nachbarn überträgt. Nachrichten springen also von peer-to-peer zu peer-to-peer Verbindung, so wie Frösche, die von Lilie zu Lilie hüpfen-, die Stiele werden nicht benötigt. So ergibt sich ein Breitband Telekommunikationssytem, von Menschen für Menschen gebaut."
Mehr dazu.

Erste Versionen solcher mesh-Accesspoints oder mesh-Aps sind bereits auf dem Markt. Die englische Firma locustworld gehört zu den Pionieren auf diesem Gebiet. Jedoch haben sie sich dazu entschieden, den OpenSource Gedanken nur bedingt zu berücksichtigen und Teile ihrer Software nicht offen zu legen. Umstritten ist auch die Anbindung an eine zentrale Zertifizierungsstelle namens WIANA.
http://locustworld.com

Das es auch anders geht, zeigt die Firma 4G aus Hamburg (http://www.4g-systems.com/ ). Unter dem Namen mtx-1 entwickelt sie derzeit einen eigenen mesh-AP. Das nur 5x5x5 cm große embedded Linux Device mit einem 400MHz MIPS Prozessor kommt komplett mit OpenSource Software aus. Entwickelt wird auf der Grundlage eines debian-MIPS Kernels.
http://www.freifunk.net/wiki/Mtx1
Mit diesen Geräten können auch technisch wenig versierte Menschen gleichberechtigt am Aufbau freier Netzwerke partizipieren.



Deutschland im Dornrößchenschlaf

Die Preise für WLAN-Hardware sind so niedrig wie noch nie. Beseitigt ist auch die Verunsicherung durch die in Deutschland bis vor kurzem noch unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen zum Betrieb privater WLANs. Dennoch kommt die Bewegung hier zu Lande nur langsam in Fahrt. Erst in wenigen Städten gibt es erkennbare Initiativen, die sich dem Aufbau privater Funknetzwerke verschrieben haben.

Mit welchen Schwierigkeiten Initiativen in Deutschland immer noch zu kämpfen haben, weiß beispielsweise Peter Brügemann von Wooms e.V.. Schon seit über einem Jahr setzt er sich dafür ein, WLAN "zum Vorteil der Stadt Münster, der Förderung von Wissenschaft, Bildung und Kultur" einzusetzen. Doch die Stadtväter haben leider nicht erkannt, dass neben öffentlichen Hotspots auch private Netzwerke durchaus ihre Berechtigung haben. Anstatt die Eigeninitiative zu fördern, hatte er lange Zeit mit der Stadtverwaltung um seine Idee zu kämpfen. Besonders die Erlaubnis zur Montage von Antennen erweist sich dabei immer wieder als Schwierigkeit.

Das ist leider kein Einzelfall. In kaum einer Region Deutschlands hat die Politik verstanden, welche Chancen mit dem Aufbau selbstinitiierter Netzwerke verbunden sein können. Die technische Vernetzung geht nämlich stets mit der Bildung neuer lokaler, sozialer Netzwerke einher. Mit lokalen WLAN-Netzwerken ergeben sich unter anderem zahlreiche neue Aspekte für die Jugendmedienarbeit (z.B. lizenzfreie community-radios). Strukturschwache Regionen könnten wieder an Attraktivität für die Bevölkerung sowie für kleine und mittelständische Unternehmen gewinnen. Und schließlich bilden flächendeckende freie Netze auch die Voraussetzung für eine echte "elektronische Agora", eine demokratisierte Kommunkationsinfrastruktur im Besitz ihrer BenutzerInnen. Darüber waren sich auch die rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der im September in Berlin abgehaltenen freifunk.net summer convention aus vielen Teilen Europas einig.


Geht's jetzt los?

Ebenfalls zur summer convention in Berlin hat der Verein wavelan-berlin e.V. i. Gr. http://wavelan-berlin.de den so genannten BerlinBackBone offiziell eingeweiht. Dabei handelt es sich um die Vernetzung verschiedener kultureller und sozialer Zentren der Stadt.

Die Idee ist, neben der besseren sozialen Vernetzung perspektivisch ein eigenes lokales Programm im Äther anzubieten. Der Content ist schließlich schon vorhanden, er muss nur noch im Funknetz gebroadcastet werden. Außerdem sollen die stadtteilbezogenen Projekte auch als Kristallisationspunkte für die lokalen Stadteilfunknetze dienen. Ziel ist es, über viele Stadteile hinweg ein bürgerbetriebenes Intranet aufzubauen. Zum Artikel von Thomas Thaler über den BerlinBackBone.




Auch in anderen Städten und Regionen tut sich was. So gibt es mittlerweile eigene Initiativen in Dresden, Chemnitz und Kassel vgl. hierzu http://freifunk.net/wiki/FreifunkInitiativen.

Es liegt jetzt allerorts an den Akteuren, dem Traum einer freien Netzwerkstruktur ein gutes Stück näher zu kommen. Wer Interesse hat daran mitzuwirken, kann sich in der freifunk.community eintragen. Die Datenbank soll helfen, auf sich aufmerksam zu machen und andere freifunk-Interessierte in der eigenen Umgebung zu finden.
von Hauke AltmannZuletzt verändert: 06.05.2006 15:29







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