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Kabelloses Surferglück

In vielen Städten entstehen gratis nutzbare, freie Funknetze. Die kunterbunte Szene will alle Bürger mit Internet-Diensten aus der Luft versorgen.

von Stefan Krempl (mit freundlicher Genehmigung des Autors)

erschienen in DIE ZEIT - 11/2003

Achim Quinke ist Netzwerker. Um seine Kunden in die Medienszene Hamburgs einzuführen, ist er viel unterwegs. "Ich muss mobil sein", sagt der junge Multimedia-Mann. Und natürlich dabei seine E-Mail abrufen, um keinen Termin zu verpassen. Früher hangelte er sich dafür über den drögen Wap-Standard mit dem Handy ins Netz. Seit Dezember ist Quinke nun aber auch in der City der Hansestadt ständig "drin": mit seinem Laptop, der mit einer Funknetzkarte ausgerüstet ist, kann er sich an 30 "Hotspots" gratis ins Internet einbuchen. Etwa wenn er in einem Café am Jungfernstieg einen Kunden trifft. Mal rasch eine umfangreichere Präsentation aus dem Netz laden oder die eigene Website zeigen dank der breitbandigen Verbindung kein Problem.

Möglich wird das kabellose Glück durch Hamburg@Work. Die Initiative von Stadt und Medienwirtschaft baute mit der Hilfe von Firmen wie der Deutschen Telekom und Fujitsu Siemens das größte drahtlose Bürgernetz in Deutschland. Sie trägt die Kosten von jeweils etwa 1000 Euro für die Einrichtung der Zugangspunkte in Cafés, Restaurants und öffentlichen Gebäuden. Die monatlich rund 50 Euro für die Netzverbindung zahlt der Gastronom oder die Einrichtung, die den Service bietet.

Noch ist das Umsonst-Surfen ein Geheimtipp: "Wir haben etwa 2000 Registrierungen nach zwei Monaten", sagt der Chef von Hamburg@Work, Uwe Jens Neumann. Am beliebtesten ist das drahtlose Surfen in der Sushi Factory am Dammtor. Auf Rang zwei und drei liegen das Café Alex am Jungfernstieg und die Zentrale der Hamburger Bücherhallen. Der Bürgermeister der Elbmetropole, Ole von Beust, will mit dem Vorstoß "ein Stück digitale Lebensqualität schaffen". Die soll sich auch für die Anbieter in Form von manch zusätzlich bestellter Latte Macchiato bezahlt machen. Noch würden die Netzkapazitäten aber bei weitem nicht ausgeschöpft, gibt Neumann zu. Doch das werde sich ändern, "wenn das Frühjahr zuschlägt" und die Leute ihre Laptops auf die Cafétische packten.

Die Technik hinter dem Hamburger Bürgernetz heißt WLAN (Wireless Local Area Network, sprich "We-lan"). Der Standard dafür mit der Bezeichnung 802.11 liegt bereits in mehreren Varianten vor: Die ursprüngliche Version funkt theoretisch mit bis zu 11 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) und überbrückt dabei eine Entfernung von 300 bis 400 Metern. Das Herunterladen von Dateien erfolgt damit schon bis zu 85-mal schneller als mit einer ISDN-Verbindung. Die kommende und mit dem Vorreiter kompatible Version ist gar bis zu 54 Mbit/s schnell. Marktforscher sagen, bereits Ende des vergangenen Jahres seien mehr als 16 Millionen Firmen, öffentliche Einrichtungen und Privatwohnungen per WLAN vernetzt gewesen.

Im Gegensatz zum teuer versteigerten UMTS-Netz sind die WLAN-Frequenzen frei. Theoretisch kann jeder Computernutzer sein eigenes Funknetz aufsetzen. Reicht es in den öffentlichen Bereich hinein, ist höchstens eine Anzeige beim nationalen Regulierer erforderlich. Diese Offenheit haben sich schon vor einigen Jahren Netzaktivisten zunutze gemacht. "Zwischen 1996 und 1997 entdeckten Technofreaks und Künstler, dass durch die drahtlose Verknüpfung ihrer PCs ein lokales, nicht mit der Stoppuhr abgerechnetes Netzwerk geschaffen werden konnte", erzählt Saul Albert vom Londoner Verein Consume. Dieser hat die britische Hauptstadt zu einer Hochburg der Bürgernetz-Szene gemacht, die bereits über viele hundert offene Zugangsknoten verfügt.

Das Graswurzel-Prinzip beherrscht auch den Aufbau luftiger Bürgernetze in Berlin, wo Senat und Wirtschaft das Hamburger Projekt kritisch beobachten. In einzelnen Oasen wie dem Freiluft-Café Strandbad Mitte oder dem Starbucks am Hackeschen Markt können die Hauptstädter zwar schon kostenlos mit ihren Laptops surfen. Doch dabei sind sie auf das Wohlwollen von Firmen wie dem W.Lab angewiesen, die mit öffentlichen Hotspots ihre Vernetzungsdienste bekannt machen wollen. Eine stadtweite Initiative fehlt.

Als deren Keimzelle möchte der frisch gegründete Verein Wavelan-Berlin fungieren. Er hat in dem von vielen Studenten und ehemaligen Hausbesetzern bewohnten Bezirk Friedrichshain mit dem Aufstellen kleiner Sendemasten zur Selbstversorgung der Bürger mit dem drahtlosen Internet begonnen. "Unser Ziel ist es", sagt Mitgründer Jürgen Neumann, "dass alle 300 bis 500 Meter eine private Antenne auf dem Dach ist." Über ein solches eigenständiges Maschenwerk könnten Jugendclubs ihre Kiezkonzerte live übertragen und Tausende Tauschbörsen enstehen. Um derartige drahtlose Datengemeinschaften auf eine solide rechtliche Basis zu stellen, entwickelt die Szene momentan ein "WLAN-Transitabkommen".

In den USA sind Städte wie Athens im Staat Georgia oder das kalifornische Long Beach einen Schritt weiter: Sie bieten ihren Bürgern und Touristen gratis Wireless-Wolken, die ganze Straßenblocks überziehen. Städte wie San Francisco, Seattle oder Jacksonville wollen nachziehen, während sich Manhattan mit dem Bryant Park eine vollständig funkvernetzte Grünanlage leistet. "Man kann sich das am besten als städtische Erneuerungsprojekte vorstellen", erklärt Douglas Klein, einer der Netzwerkausrüster in Long Beach.

Der Traum von einem freien, überall verfügbaren und von seinen Nutzern selbst mit Leben und Inhalten gefüllten Netzmedium, der mit den ersten Mailboxen vor gut 20 Jahren seinen Anfang nahm, feiert so dank WLAN seine Wiedergeburt. Eine ständige "Übung in der Telekommunikationsfreiheit" wolle man absolvieren, lautet das Motto der übergreifenden Website der aktiven Netzwerker (www.freenetworks.org). Nicholas Negroponte, Vater des berühmten Media Lab am Massachusetts Institute of Technology, kündigt gar das Erblühen einer "viralen Telekommunikation" auf Basis von WLAN an. Die Technik habe das Potenzial, unser Verständnis von der Vergabe von Frequenzen umzustoßen und das Funkspektrum als "große Allmende" zu betrachten, die allen gleichermaßen offen stehe.

Das klingt fast wie der Hype, der dem Internet schon einmal zu einer rauschenden Blüte verholfen hat. Kein Wunder also, dass auch die großen Mobilfunkfirmen weltweit ein Geschäft mit WLAN wittern und die drahtlosen Netze kommerzialisieren wollen.

Bei Preisen von knapp 16 Euro für drei Stunden kabelloses Surfen, wie sie T-Mobile seit Anfang Februar an stark frequentierten Orten wie Flughäfen kassiert, dürften sich allerdings höchstens ein paar Geschäftskunden angesprochen fühlen. Einen Kompromiss sucht die Firma Placetobee, die momentan in Wiesbaden, Mainz und Kaiserslautern WLAN-Bürgernetze baut, zu Tagestarifen von rund fünf Euro. Beobachter wie der amerikanische Autor Simson Garfinkel vertrauen aber darauf, dass sich der Gratis-Funk durchsetzt: Firmen, Universitäten und Institutionen würden die Laptop-Krieger mit einem "freien Wählton fürs drahtlose Netz" ausrüsten – so, wie sie bisher schon ihren Besuchern Toiletten und Wasser kostenlos anböten.

von jensNZuletzt verändert: 16.04.2004 15:12







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