Die internationale Bewegung für freie, drahtlose Bürgernetze, die in den letzten zwei, drei Jahren entstanden ist, befindet sich an einem entscheidenden Punkt in ihrer Entwicklung.
von Armin Medosch - 13.03.2003
Einerseits gibt es zahlreiche offen und frei nutzbare Hotspots, aber diese sind größtenteils unverbunden und bilden kein flächendeckendes Netz. Zugleich hat die Wavelan-Szene nicht länger den Vorteil, jenseits des Radarschirms der großen Provider und Telco's zu operieren. Wie die CeBit gerade zeigt, ist Wireless in allen Varianten gerade das Schlagwort der Stunde. Anfang März trafen sich Free Networker aus Deutschland, England, Schweden, Spanien, USA und Dänemark zu einem Workshop in Kopenhagen, der sich Kopenhagener Interpolation nannte. Dabei ging es allerdings nicht um Quantenphysik sondern darum, der bislang wildwuchernden Szene einen sozialen Basisvertrag zu geben, das Pico Peering Agreement.
Ein wesentlicher Anstoß für die drahtlosen Bürgernetze wurde im Sommer 2000 mit dem Consume-Manifest von Julean Priest und James Stevens formuliert. Enttäuscht von den Versprechungen der Internet-Industrie, riefen sie dazu auf, frei zugängliche und gratis nutzbare Bürgernetze auf Basis der Wavelan-Technologie einzurichten. Wer über einen Breitband-Anschluss ans Internet verfügt und diese Bandbreite nicht immer voll ausnutzt, soll seinen Anschluss via Funknetz anderen möglichst gratis oder kostengünstig zur Verfügung stellen. Lokale Gemeinschaften können ihre kollektive Kaufkraft nutzen, um einen schnellen drahtlosen Internetzugang zu günstigen Preisen zu erhalten. Und wenn genügend Leute mitmachen, haben auch die idealistischen Bürgernetzbetreiber einen Vorteil, weil sie dann freie Funknetze auch an anderen Orten gratis mitnutzen können. Inzwischen gibt es allein in Großbritannien 800 freie Funknetzknoten, die nach dem Consume-Modell funktionieren. Das Beispiel hat auch jenseits des Atlantiks Schule gemacht, wo z.B. die Projekte New York City Wireless und PersonalTelco, in Portland, Oregon, ebenfalls hunderte frei nutzbarer WLAN-Knoten geschaffen haben. In Deutschland hingegen gibt es bislang eher zarte Anfänge, wie z.B. die im Aufbau befindliche Initiative Freifunk.net in Berlin.
"Free Networks", so die Organisatoren des Treffens in Kopenhagen, sind an einem kritischen Punkt in ihrem Wachstum angekommen. Es gibt zwar immer mehr einzelne Funknetzknoten, aber noch sind diese Inseln im Netz, größtenteils ohne Verbindung zueinander. "Free Networks sind verstreut," erklärte Julean Priest, einer der Gastgeber des Kopenhagener Workshops, in seiner Eröffnungsansprache, "um nachhaltige Free Networks zu schaffen, müssen wir sie verbinden, auf technischer, materieller, sozialer und administrativer Ebene."
Dieser Anspruch hat allerdings mit dem inneren Widerspruch aller Graswurzelbewegungen zu kämpfen. Free Networker sind Idealisten, die sich nicht gerne diktieren lassen, zu welchen Regeln sie ihren Gratis-Dienst anbieten. Zwei Tage rauchten die Köpfe in Kopenhagen, bis man sich schließlich auf einen Lösungsansatz geeinigt hatte. Was dabei herausgekommen ist, ist ein Dokument mit dem etwas exotischen Namen PicoPeeringAgreement (PPA). Als "Peering Agreement" bezeichnet man die Abkommen, die Provider untereinander über den Transit von Daten zwischen ihren Netzen treffen. "Pico" verweist auf die Kleinheit der Anbieter in diesem Fall, wo es sich oft nur um eine Person und ihren WLAN-Knoten handelt. Der PicoPeering-Vertrag versucht, bei maximaler Offenheit einige wichtige Prinzipien zu formulieren. Der Betreiber eines Funknetzknoten erklärt die grundlegende Bereitschaft, den freien Transit von Daten über sein Netz zuzulassen. Freier Transit bedeutet, weder in den Datenfluss Eingriff zu nehmen, noch dafür Geld zu verlangen. Der Betreiber verpflichtet sich darüber hinaus, die für das Peering notwendigen technischen, geografischen und persönlichen Informationen zu publizieren. Da der Dienst frei ist, gibt es keine Garantie jedweder Art. Konflikte sollen möglichst auf lokaler Ebene gelöst werden.
Neben diesen absichtlich kurz und bündig gehaltenen Kernpunkten gibt es noch ein allgemeines Bekenntnis der Anbieter zum Wissenstransfer, um die technische Emanzipation der User zu fördern, so dass sie selbst in der Lage sind, in nicht allzu ferner Zukunft eigene Knoten zu eröffnen. Der PicoPeering-Vertrag versteht sich als Katalysator eine Wachstumsstrategie für freie Funknetze, ein Minimalkonsens, der die Basis für individuelle Peering-Abkommen sein soll. Die jeweils letzte konsolidierte Fassung des Dokuments soll an einer ausgewiesenen Stelle im Netz verfügbar sein. Die Inspiration dazu holte man sich aus dem Bereich der Software-Lizenzen. Open-Source-Lizenzen wie die GNU General Public License (GPL) haben freier Software zum Aufschwung verholfen. Nun erhoffen sich die Free Networker, dass der Pico-Peering-Vertrag zur Wachstumsmaschine für freie Netzwerke wird.
Eine frühere Fassung des Pico-Peering-Vertrags wurde während des BerLon Workshops im Berliner bootlab im Oktober 2002 erarbeitet. In dieser ersten Runde befasste man sich hauptsaechlich damit, Definitionen für Begriffe wie "Free Networks" und "Free Transit" zu finden und damit Grundlagen für den Pico-Peering-Vertrag zu schaffen. Das Ergebnis muendete in eine zwar übersichtliche aber lange Wiki-Page. Aus der Fülle der dort vorgeschlagenen Wendungen wurde in Kopenhagen ein wesentlich kürzerer Text destilliert. Wesentlich für die Umsetzung dieser Prinzipien wird aber womöglich weniger der Text des Abkommens selbst als seine Implementierung auf Datenbankebene, wo Knoten ihre Bereitschaft zum freien Peering in Form einer RDF-Spezifikation kommunizieren. Diese Formulierung auf Datensatz-Ebene steht noch an und sollte in kürze auf der Pico-Peer-Site zu sehen sein.
Links
Consume -
http://consume.html

Free Networks -
http://freenetworks.org
Pico Peering Agreement -
http://www.picopeer.net
Deutsche Fassung des
Pico Peering Agreement