Kommentar von Arun Mehta zur Fresh Air – Free Networks, Freifunk Summer Convention, Djursland 2004
Arun Mehta ist Ingenieur der Elektrotechnik und Computer Wissenschaftler. Er studierte und lehrte in Indien, den USA und in Deutschland. Von 1989 bis 1991 war er Präsident von Amnesty International Indien. Als ein früherer indischer Telekommunikations- und Cyberaktivist versucht er konsumentenfreundliche Methoden zu entwickeln, die zur Verbreitung moderner Kommunikationsmittel in ländlichen Gebieten und unter der armen Bevölkerung beitragen. Seine aktuelle Leidenschaft dreht sich um regionales Radio und Technologie für behinderte Menschen.

von Arun Mehta
Anfang September war ich euer Gast auf der freifunk summer convention. Die Veranstaltung fand dieses Jahr in Glesborg statt. Denn überraschenderweise stellte sich heraus, dass das Projekt, welches von Bjarke Nielsen und Nils Chr. Sorensen letztes Jahr in bescheidener Weise dargestellt wurde, zu einem der interessantesten Beispiele für eine ganz neue Art von Telekommunikation gehört.
Die diesjährige Veranstaltung war die beste Konferenz, an der ich jemals teilgenohmen habe. Normalerweise macht es keinen Unterschied, ob eine solche Veranstaltung in Manila oder London stattfindet; alles was du zu sehen bekommst ist der Flughafen, das Hotel und einige Restaurants. In Glesborg waren die Djursländer die ganze Zeit mit uns zusammen. Die Männer haben uns rumgefahren, die Frauen haben Kuchen für uns gebacken. Jeder noch so kleine Wunsch wurde erfüllt. Ihr habt wahrhaftig einen hohen Maßstab für Gastfreundlichkeit gesetzt!
Darum hoffe ich auch, dass ihr uns vergeben könnt, obwohl wir auf unsere Laptop-Bildschirme gestarrt haben anstatt zu tanzen, als eure hervorragende Band ”Sky of Blue” am Samstag für uns gespielt hat. Und wahrscheinlich waren wir auch zu vielen anderen Gelegenheiten gedankenlos, weil wir an Größeres gedacht haben. Um zu verstehen was ich meine, solltet ihr diesen offenen Brief an die US Teleregulierungs-Behörde lesen: . Mehrere dutzend der besten Telekom- und Internet-Experten in der Welt haben darin festgestellt, dass
“das internetbasierte end-to-end networking [...] die vertikal integrierte 127 Jahre alte Telekom-Industrie überflüssig macht“ und dass dies etwas Gutes ist, dass die Regulierer nicht verhindern dürfen.
Skandinavien ist mit Innovationen im Telekommunikationsbereich eng verbunden: Nokia und Ericsson sind schon seit einem Jahrzehnt an der Weltspitze. Aber ihre Kunden, die großen Telekommunikationsanbieter, haben ein Geschäftskonzept voller fataler Fehler. Das ist natürlich nichts Neues für die Djursländer, die ohne Erfolg mehr als 35 Internetprovider darum angefleht haben, die Bauernhöfe in Djursland mit Breitband zu versorgen. Aber ihr könnt eurem Schicksal danken, das es nicht geklappt hat, denn jetzt ist Djursland zum Leiter einer Gruppe von Davids geworden, deren Bestimmung es ist, die Goliath-Telekoms zu zerstören.
Ihr seid aber, und das muss gesagt werden, technologische Vorreiter auf einem Gebiet, das sich sehr schnell verändert, und die Krone wird deshalb nicht lange auf euren Köpfen verweilen. Aber wie kann ein ländliches Gebiet mit seinen vielen Problemen darauf hoffen, mit den großen Unternehmen im technologischen Wettstreit konkurrieren zu können? Wenn diese Unternehmen mit Milliarden um sich schleudern, so wie sie es während des Dotcom-Boom getan haben.
Die Probleme in Djursland sind augenscheinlich und das beste Beispiel wurde von einer Verkäuferin im lokalen Supermarkt geliefert. Ich habe vorsichtig gefragt, ob sie die englische Sprache verstehe, und ihre Art,
”natürlich” zu sagen, hat angedeutet, dass sie die Sprache schon ihr ganzes Leben gesprochen hat. Wie viele Sprachen sie denn kann, habe ich gefragt. Sie musste die Antwort an ihren Fingern abzählen:
”Sieben.”
Ich kann mir keinen besseren Ort auf der Welt vorstellen, um Kinder großzuziehen. Aber in der heutigen Zeit haben Kinder allen Grund, Ambitionen zu haben. Und wer kann es ihnen schon verdenken, dass sie nach ihrer Schulausbildung fortgehen, wenn größere Herausforderungen und Möglichkeiten auf sie warten?
Ich habe einen bescheidenen Vorschlag um dieses Problem zu lösen: Ihr könntet ein hochtechnologisches Forschungszentrum und eine Lehranstalt für drahtlose Community-Netzwerke in Djursland errichten. Djursland ist schon heute ein hervorragender Ort, um neue Technologien in der Praxis zu testen. Leute aus anderen Teilen der Welt könnten an den Projekten am Forschungszentrum über das Internet teilnehmen und auch zum Unterrichten an das Institut kommen. Ein spezieller Forschungszweig am Institut könnte sich damit beschäftigen, wie der Breitbandzugang in ländlichen Gegenden dazu genutzt werden kann, um die Landwirtschaft wieder anzukurbeln; vielleicht kann die Landwirtschaft wieder ”sexy” werden.
Ein solches Institut wäre für eure Kinder ein guter Grund zu bleiben - und es kann für wenig Geld errichtet werden. Die größte Herausforderung ist es, kompetente Lehrkräfte zu finden. Aber überlegt einmal: all diese leckeren Kuchen, die Ihr für uns gebacken habt, könnten sich für euch als ein hervorragendes Investment herausstellen. Denn die jungen Leute, die diese Kuchen verzehrt haben, sind die besten Telekommunikationsexperten der Welt - und sie wären mehr als glücklich, wenn sie über das Internet unterrichten und an Projekten teilnehmen könnten. Falls es notwendig ist, wird es auch nicht schwierig sein, sie dazu zu bewegen, in dieses idyllische Land zu reisen.
Was mich zu diesem Vorschlag hier motiviert, ist dieses bemerkenswerte dänische Wort, das ich gelernt habe: ”Boevl”. Man hat mir erzählt, dass es oft im negativen Sinne genannt wird, um ein Problem anzudeuten, mit dem du ganz alleine dastehst. Aber Bjarke und seine Leute haben eine positive Verwendung für das Wort gefunden - in ihrem ”Boevl Verein”, einem wöchentlichem Treffen von Leuten mit Computer-Pannen, die ihre Probleme in die eigenen Hände nehmen.
Normale Leute sehen ein Problem - Aktivisten erkennen eine Möglichkeit. ”Boevl” könnte das Schlachtruf für die Wikinger im 21. Jahrhundert werden. Wenn es nur einfacher wäre, das Wort auszusprechen...