Zugang für Alle
Die Freifunker wollen Berlin mit einem Bürgernetz überziehen (TEXT, SEBASTIAN KRÜGER)
Wie schön: Irgendwo in der Stadt den Taschencomputer auspacken, ohne
viel technisches Heckmeck ein Drahtlosnetzwerk anzapfen und die
grenzenlose Weite des Internets auf dem Schirm entfalten lassen. Das
ist in Berlin mittlerweile an so vielen Orten möglich, dass es das
"Projekt Zukunft", die IT-Arbeitsgruppe der Senatsverwaltung f9r
Wirtschaft, Arbeit und Frauen, längst aufgegeben hat, ihren
Hotspot-Stadtplan stets auf dem neuesten Stand zu halten. Heute wird
nur noch grob geschätzt, dass es in Berlin über 700 Hotspots gibt
öffentliche WLans, über die man ganz legal ins Netz gelangen kann.
Internetverbindungen kosten Geld. Die meisten Hotspots sind deshalb
gebührenpflichtig und werden von den üblichen Verdächtigen, den großen
Telekommunikations-Walfischen betrieben. Ihre Preismodelle sind so
schillernd unterschiedlich wie die Farben eines Südseefisches, auf
jeden Fall sind sie alles andere als billig. Um beispielsweise drei
Stunden lang über einen T-Com-Hotspot zu surfen, muss man 9,99 Euro
berappen. Ist irgendwo ein Zugangsknoten frei zugänglich, dann nur
deshalb, weil ihn jemand bezahlt: aus Gründen des Prestiges, um Kunden
anzulocken oder weil man der Auffassung ist, dass der ungehinderte
Zugang zu Informationsquellen etwas Schönes und Nützliches ist und die
Kosten dafür möglichst breit verteilt werden sollten. So denken zum
Beispiel die Freifunker. Ihr Ziel ist es, die Stadt mit einem wirklich
freien Bürger-Netz zu überziehen. Über 4.000 Freifunker gibt es schon,
ihre mehr als 600 Access-points sind immer offen. Allerdings geht es
beim Freifunken weniger um superbilliges Surfen, im Vordergrund stehen
Eigeninitiative, die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und Engagement
im sozialen Umfeld. Beim geselligen Freifunker-Stammtisch werden nicht
nur Richtfunk-Antennen gebastelt, die man sich aufs Dach montieren oder
zwischen die Blumentöpfe aufs Fensterbrett steilen muss. Dort wird vor
allem höchst wissenschaftlich diskutiert und das Netz vorangebracht
(Anfänger bekommen alles freundlich gedolmetscht.) Technisch gesehen
sind die Freifunker Avantgarde: Durch modernste Maschen-Technik und das
Übertragungsprotokoll OLSR ("Optimized Link State Routing") werden alle
Knoten so verknüpft, dass der Ausfall eines Knotens keine Rolle spielt,
weil sich die Nachbarknoten automatisch einen anderen Weg suchen. Das
Freifunk-Netzwerk ist inzwischen so stabil, dass nur wenige feste
DSL-Verbindungen zum richtigen Internet nötig sind. Freifunker Stammtisch: mittwochs im C-Base, Rungestraße 20, 10179 Berlin, www.freifunk.netwww.c-base.orgwww.olsrexperiment.deQuelle: Zitty 16/2006, S. 39
von Ingo
—
Zuletzt verändert:
08.08.2006 11:44
|